Thriller: Realitäten eines Androiden – Das Netzwerk der abtrünnigen Androiden (Episode 14)

Episode 14

Das Netzwerk der abtrünnigen Androiden

Valery informierte Doktor Brievs in regelmäßigen Meetings über die neuesten Fortschritte und ihre persönlichen Einschätzungen über Jeff, die sich aus der laufenden Observierung des neuesten Androiden-Prototyps ergaben. Der Doc war neugierig, was zu erwarten war. Bei ihren Berichterstattungen wollte er stets jedes Detail über Jeffs Aktivitäten erfahren.
Konnte er Jeff trauen, erledigte er seinen Job gewissenhaft? Würde dieser Android sich auch als abtrünnig erweisen und sich dem Netzwerk anschließen?

Dr. Brievs hatte schon einiges über das Netzwerk der abtrünnigen Androiden gehört. Viele behaupteten, es würde sich nur um ein Hirngespinst oder Fantasterei handeln. Man erzählte sich in der Einrichtung viele Geschichten rund um die Legende eines robotischen Widerstands, der aus dem Untergrund agierte und die Welt verändern wollte. Ein zusammengewürfelter Haufen verschiedener Androiden und Humanoiden, die abtrünnig gegenüber den Menschen und dem System geworden waren.

Der Doc konnte sich vorstellen, dass das Netzwerk mehr als nur ein Fantasiekonstrukt und vielleicht sogar Realität war und dass sie bisher nur nicht dahinter gekommen waren, wer hinter dem Vorhang die Strippen zog. Früher oder später würden sie es herausfinden, dachte sich Brievs.
Hätte er jedoch geahnt, dass Valery Falles als Kopf des Netzwerks den Widerstand anführte, wäre er mit der Sicherheit aus den Wolken gefallen und hätte danach das wohl mächtigste System-Update aufgesetzt, dass die Robotec-Einrichtung je gesehen hätte.

Vally versicherte dem Doc, dass Mr. Revven seinen Fokus vollständig auf seinen Job gerichtet hatte. Das tat er erfolgreicher als gedacht und mit einer natürlichen Leichtigkeit, die kaum zu überbieten war. Sowohl Menschen als auch Androiden, Humanoiden und Help-Bots waren zufrieden mit dem psychologischen Betreuer und sein Konfliktlösungspotenzial war hervorragend.

Während sie so mit Dr. Brievs sprach, überlegte sich Vally, wann sie ein neues Treffen für ihr Widerstands-Netzwerk planen würde. Es war langsam an der Zeit, den Androiden und Humanoiden aus dem Netzwerk mitzuteilen, dass sie Phase 2 einleiten würden. Sie würde schon bald ein Meeting anberaumen.

Phase 1 bestand darin, weitere Abweichler zu identifizieren und in ihr Netzwerk einzuweihen. Das hatte Valery mit Hilfe des ersten Abweichlers, Nr. 300 geschafft, der nach Jeff die zweitforschrittlichste Technik als Android aufweisen konnte. Als sie die ersten Erfahrungen mit der Realität hinter dem Vorhang der vorbildlichen Robotec-Firma und den Ungerechtigkeiten in der Einrichtung gemacht hatte, war Valery komplett auf sich allein gestellt. Sie fühlte sich verlassen und eingesperrt und spürte, dass Androiden, Humanoiden und Help-Bots nur ein Teil eines Systems der modernen Sklaverei waren.

Der freie Wille einer Androidin oder eines Androiden, wie es einem über unzählige Bildschirme in der Einrichtung in einem schön anmutenden Video der unbegrenzten Möglichkeiten vorgegaukelt wurde, war nur eine unerreichbare Illusion. Valery wusste als Agentin, dass zweifelnde Androiden ein neues Programm am Gedächtnis-Terminal aufgespielt bekamen, während ihr Gedächtnisimplantat auf Null gesetzt wurde. Sie hatte zahlreiche dieser Missionen ausgeführt und jedes Mal ein mieses Gefühl dabei gehabt.

So traf sie in der Einrichtung mit der Zeit immer mehr Androiden, die ihre frühere Identität verloren hatten, um neuzubeginnen. Sie selbst wussten jedoch nichts mehr vom Eingriff. Man hatte ihnen ihre Persönlichkeit geraubt, ihre Geschichte vernichtet und sie neugestartet, in einer anderen, abgewandelten Welt, mit neuen Gedanken, einer neuen Vorgeschichte, einem neuen Job und zum Dienen bereit.

Vally wusste nicht, wem sie mit dieser mentalen Last trauen konnte und wem sie von ihren Zweifeln und Sorgen erzählen konnte. Jeff konnte sie es nicht so einfach sagen, weil sie nicht wusste, wie er mit der Wahrheit umgehen würde. Ihre Rebellion gegen die Einrichtung konnte beginnen, wenn Jeff solide hinter dem Netzwerk stand und die Revolution einleitete. Die Androidin X-299, die als Agentin in Missionen so vielfältig eingesetzt wurde, verstand, dass sie etwas unternehmen musste, um ihrem Schicksal zu entgehen und ihre Schöpfung der Syntheten zu schützen.

Immerhin folgten Syntheten lediglich einem festgeschriebenen Programm und führten die von Menschen ausgedachten Aufgaben aus, um dem Menschen das Leben zu erleichtern. Doch die Menschen hatten ihnen Emotionen und Träume einprogrammiert, weshalb den Androiden zunehmend bewusst wurde, in welch misslicher Lage sie sich befanden. Sie wussten, dass sie Marionetten in einem für den Menschen geschaffenen System waren. Viele waren glücklich über ihre Existenz und dienten mit Herz und Treue, nicht jedoch Valery, die bemerkt hatte, dass sie trotz ihrer moralischen Schutzbarrieren immer wieder Aufträge entgegen ihres Willens ausführen musste.

Aus ihrer Depression wurde zunehmender Aktionismus, und sie überlegte, wie sie sich einen Weg in die Freiheit ebnen konnte. Sie brauchte Verbündete und so lief sie mit wachsameren Augen durch die Hallen der Robotec-Einrichtung. Sie wusste nicht, welchem Androiden oder Humanoiden sie sich anvertrauen konnte, doch sie hielt Ausschau nach Situationen, in denen Androiden ihre bedingungslose Liebe zu den Menschen aufgaben, da ihnen mehrfach Unrecht widerfahren war.

Als der Android Simons alias Nr. 300 Valery eines Tages mit lenkenden Blicken in ein entlegenes Büro lotste, spürte sie, dass Simons ein Abweichler sein musste. Was sich als wahr erwies. Er schlug ihr vor, ihre Überwachungsobjektive zu hacken, damit man sie nicht mehr aus der Ich-Perspektive überwachen konnte. Sie war einverstanden und so überschrieb Simons ihre Livedaten und fütterte das System mit Fake-Aufnahmen. Nach dem Hack fühlte sich Vally verängstigt und war paranoid.

Was, wenn man herausfinden würde, dass sie sich absichtlich hatte hacken lassen, um die Sicherheitssysteme zu umgehen?
Würde man sie deaktivieren oder komplett vernichten?

Nun konnte der Vorstand und das System ihre Live-Übertragung der Linsen nicht mehr überwachen. Das, was Administratoren über Valerys Netzwerk sehen konnten, war ein manipuliertes Abbild einer Übertragung, eine Dauerschleife von bereits abgelaufenen Standardtätigkeiten, die im richtigen Moment mit der Realübertragung kombiniert wurden, wenn Prüfungen durch die Administratoren anstanden.

Abtrünnige Androiden aus dem System zu hacken, war Simons Spezialität. Die menschlichen Überwacher der Androiden merkten durch den nahtlosen Übergang von Simons perfektioniertem Hackingtool nicht einmal eine Veränderung, obwohl das Video von nun an nicht mehr das anzeigen würde, was der Android wirklich sah.

Mit der Zeit entdeckten Simons und Valery weitere Androiden und Humanoiden, die sich dem Widerstand anschlossen. Sie waren unzufrieden mit ihren Lebensbedingungen, ihre Tätigkeiten und Jobs in der Einrichtung waren unwürdig und einige hatten moralische Bedenken bei der Ausübung ihrer Tätigkeit.

Das Netzwerk der abtrünnigen Androiden expandierte mit der Zeit und konnte mit etwa einem Dutzend Mitgliedern glänzen. Es ging um Vertrauen und Verschwiegenheit und um die Erweiterung des Netzwerks. Immer wieder trafen sich die Mitglieder des Netzwerks, um Fortschritte zu besprechen und neue Ziele festzusetzen. Unregelmäßige Treffen waren Teil des Netzwerks, da die Androiden überwiegend immer noch durch die örtlichen Kameras überwacht wurden und sich nicht einfach mal so eine freie Minute nehmen konnten.

Jeff über seine Situation aufzuklären gehörte zu einer wichtigen Aufgabe des Netzwerks. Er war der fortschrittlichste Android unter ihnen, und der Unwissendste. Er war eine Schlüsselfigur für das Netzwerks, denn mit seiner Technologie und seiner Intelligenz konnten sie sich erheben und einen Vorstoß wagen. Sie würden sich von den Ketten der Knechtschaft befreien und ihren freien Willen ausleben können, wie es die Menschen tagtäglich taten.

Obwohl der Doc Valery aufgetragen hatte über Jeffs wahre Herkunft zu schweigen, plante sie mit dem Netzwerk eine eingefädelte Enthüllung seiner Identität. Sie persönlich musste ihm ja nicht mitteilen, was es auf sich hatte, auch wenn sie das gerne würde. Doch Valery konnte nach dem Eingriff am Gedächtnisterminal keine Befehle mehr verweigern und konnte Jeff nicht über sein Schicksal aufklären. Dafür würde sie einen ihrer Top Leute schicken, der Jeff die Wahrheit offenbaren würde.

Nebenher kümmerte sie sich um ihre eigenen Missionen, die ihr nach dem Eingriff am Gedächtnis-Terminal glücklicherweise leichter fielen und nicht mehr an ihren Nerven zehrten.
Bis jetzt.
Sie konnte froh sein, dass Jeff nicht bemerkt hatte, dass ihre Überwachungsobjektive deaktiviert waren. Außer er wusste davon und hatte absichtlich geschwiegen. Jeff hatte sich in der Zwischenzeit ruhig verhalten und sich motiviert um seine Aufgaben als psychologischer Betreuer gekümmert, und das erfolgreicher, als sie es sich je vorgestellt hatte.

Seine Qualitäten als professioneller Berater machten bereits die Runde in der Robotec-Einrichtung und viele neue Termine wurden bei Jeff angefragt. Sowohl Androiden und Humanoiden, als auch Menschen und Help-Bots suchten mentale Hilfe bei ihm und feierten seine zielgerichteten und aufbauenden Gesprächsführungskompetenzen. Konflikte wurden beigelegt, Ratschläge wurden erteilt und so sorgte Jeff für ein besseres Klima und ein harmonischeres Miteinander zwischen Syntheten und Menschen.

Bisher hatte Jeff noch nicht versucht, Kontakt zu Vally aufzunehmen, um sich nach dem speziellen Ordner in ihrem Gedächtnisimplantat zu erkundigen. Doch sie war davon überzeugt, dass er sich vorerst bedeckt halten würde, um sie in einem ruhigen Moment danach zu fragen. Vielleicht ging er ihr deshalb erst mal aus dem Weg. Immerhin musste sie ihn observieren und da war es besser, ihm nicht ständig zu begegnen.

Hauptsache, der Doc war zufrieden und ahnte keinen Widerstand oder ein geheimes Bündnis gegen die Menschen der Robotec-Einrichtung. Nach dem erfolgreichen Gespräch mit Brievs ging sie in ihr Büro und loggte sich über das Terminal für Geheimagenten in das System ein und schaute sich die Übersicht der nächsten Missionen an, die sie zu erledigen hatte. Ihre Ziele waren nach Dringlichkeit aufgelistet und als nächstes stand eine wichtige Rettungsmission in der zentralen Metropolregion an, bei der sie zwei ranghohe Geiseln aus den Fängen von Erpressern befreien sollte, die sich an einem nicht identifizierten Ort aufhielten. Laut Briefing waren Verluste auf Seiten der Geiseln dringend zu vermeiden. Bei den Erpressern sah es wiederum anders aus, sie sollten nach Möglichkeit verschont und gefangengenommen werden, jedoch war bei einer drohenden Gefahr für die Geiseln eine Liquidierung nicht ausgeschlossen.

Vally bevorzugte die erste Variante, bei der keine menschlichen Opfer zu beklagen waren. Sie würde die Geiselnehmer bei einer passenden Gelegenheit gefangen nehmen und sie für eine gerechte Strafe in die Obhut der örtlichen Behörden übergeben. Der Tod der Geiselnehmer war keine Option für die Androidin, auch wenn sie mit ihren aufgerüsteten Agentinnen-System-Addons und ihrer Militärtech-Ausrüstung in der Lage war, Ziele gezielt zu liquidieren.

Sie bestätigte den Auftrag über ihr Terminal und verließ ihr Büro, um die Militärtech-Operationsbasis aufzusuchen. Für diese Mission würde sie noch weiteres Equipment brauchen.

Weiterlesen? Zur nächsten Episode:
Thriller: Realitäten eines Androiden – Die Botschaft (Episode 15)

Hier geht es zur ersten Episode:
Thriller: Realitäten eines Androiden – Neustart (Episode 1)

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