Thriller: Seelenfall – Ewigkeit (Episode 20)

Episode 20

Ewigkeit

Die ersten Tage waren in die Ewigkeit gezogene und einsame Tage, die dennoch mit leiser Hoffnung verbunden waren. Jordan besuchte Faith täglich zur gewohnten Zeit, um sich selbst ein Bild von ihren Fortschritten in ihrem Koma zu machen. Doch gab es überhaupt Fortschritte? Würde sie je wieder zu sich kommen und wieviel Zeit würde vergehen, bis sie wieder erwachen würde?

Er saß wie immer zur selben Zeit neben dem Krankenbett und wartete stets an der Seite von Faith, nachdem er seinen Arbeitstag beendet hatte. Nachdem die Behörden ihn zu der Nacht befragt hatten, wurde ihm klar, dass er keine direkte Schuld an ihrem Koma trug. Trotzdem machte er sich dafür verantwortlich. Schließlich hatte er sie zum Alkohol verführt, obwohl sie bis zu seinem Geburtstag darauf verzichtet hatte.

Angefangen hatte es mit der Nacht im Club und seiner Geburtstagsfeier, in der er Faith zum ersten Mal kennengelernt hatte. Sie hatten geredet und getrunken, sich amüsiert und es hatte ihnen auf Anhieb gefallen, sich miteinander zu unterhalten. Es hatte geknistert zwischen den beiden. Der Funken der Liebe war auf beide übergesprungen.

Da war etwas an Faith, das ihn fasziniert hatte und so waren sie einige Drinks später und nach Mitternacht in seinem Apartment gelandet. Unter Faiths Umständen war es außergewöhnlich, bei der ersten Begegnung eine Übernachtung in Erwägung zu ziehen. Doch sie hatte getrunken und ihre Hemmungen waren wie verflogen. Außerdem mochte sie Jordan, sie wollte bei ihm sein. Etwas tief aus dem Innersten ihrer Gedankenwelt bekräftigte sie sogar dabei.

Beide waren wie auf Wolke Sieben. Doch durch unglückliche Umstände war Faith in einen Zustand der Unzurechnungsfähigkeit verfallen, der sie ins Koma versetzt hatte. Seit dem Vorfall war nun eine Woche vergangen. Faith schlief friedlich und unschuldig in ihrem Bett, während die Uhr in dem Krankenzimmer unaufhörlich und langsam zugleich tickte, eine quälende Ewigkeit, die nicht enden wollte.

Jordan bereute es, dass er sie in der Nacht seines Geburtstags zu sich eingeladen hatte. Das alles hätte nicht passieren müssen. Er schaute Faith an, deren Augen geschlossen waren und die ruhig ein- und ausatmete. Er berührte ihre Hand und streichelte sie leicht.
“Das alles wollte ich nicht, Faith. Wo auch immer du dich jetzt befindest, versuche mich zu finden und zu uns zurückzukommen.”
Doch Faith zeigte keine einzige Reaktion.
Er sah eine bezaubernde Faith, die den Schlaf der Gerechten schlief.
Ihre Augenlider bewegten sich nicht und er hörte ihr gleichmäßiges Atmen.

Sie musste irgendwo da drin sein. Er wusste es. Vielleicht könnte es einen Impuls in ihrer Traumwelt auslösen, wenn er permanent zu ihr reden würde. Eines Tages würde sie ihn hören und dem Klang seiner Stimme folgen.

“Hör mir zu, Faith. Ich weiß, dass du gerade an einem anderen Ort bist, den wir uns nicht erklären können. Erinnerst du dich noch an den See, von dem du gesprochen hattest. Bist du dort? Wohin hat es dich verzogen? Versuch aufzuwachen, ich werde auf dich warten und bin bei dir.”

Jordan wusste nicht, ob das helfen würde. Doch er wusste, dass Faith sich in einer Parallelwelt befand und wahrscheinlich nicht mehr wusste, was geschehen war. Irgendwie musste er es schaffen, sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie nicht in der Welt des Komatraums lebte, sondern hier in dieser Realität, in der er und ihre Familie auf sie warteten.

Und er würde nicht aufhören zu warten. Das hatte er sich hoch und heilig versprochen.

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