Thriller: Realitäten eines Androiden – Valerys Offenbarung (Episode 6)

Episode 6

Valerys Offenbarung

Der Doc alias Dr. Brievs, Forschungsleiter der geheimen Forschungseinrichtung für Roboter- und Androidentechnologie, hatte Jeff mit dieser überaus attraktiven Androiden-Dame namens Valery Falles zurückgelassen. Er sollte ein Gespräch mit ihr führen, um mehr über sie zu erfahren. Deshalb improvisierte er, um wie von Brievs gewünscht über ihre wahren Motive zu reden.

“Willkommen, Mrs. Falles. Setzen Sie sich.”
Die schwarzhaarige Androiden-Dame näherte sich vorsichtig, schaute sich um und nahm dann elegant auf einem der gemütlichen Lounge-Sitze Platz.
Jeff sollte also mehr über sie und ihre privaten Ziele herausfinden. Valery Falles, die auch als Nr. 299 bekannte Superandroidin, ein Wunderwerk der neuesten Androidentechnologie, schien jedoch leicht nervös zu sein.

Das fiel Jeff natürlich auf, doch er hatte auch einige Fragen an sie und wusste, dass sie etwas vor ihm verbarg. Das hatte sie ihm vorhin mit ihrer warnenden Mimik bewiesen. Obwohl ein Verstoß in der Verhaltensstruktur der Androidin Valery Falles stattgefunden hatte, war keine Reaktion von den im Raum vorhandenen künstlichen Intelligenzen erkennbar gewesen. Sie hatten einfach weiter vor sich hingestarrt und die Szene ignoriert, die sich vor ihnen abgespielt hatte.

Es schien ihnen egal zu sein, dass Nr. 299 versuchte, den neuen psychologischen Berater Jeff Revven auf intrigante Weise mit einer klammheimlichen Warnung beeinflussen wollte.
Wieso hatte sie ihn überhaupt vor Dr. Brievs gewarnt?
Er setzte sich nicht weit von Valery auf einen der hochwertigen Loungesessel und begann mit der Befragung der Androidin.

Doch bevor er beginnen konnte, schaute ihm Valery erwartungsvoll in die Augen, so als wollte sie ihm etwas mitteilen. Dabei fielen Jeff die strahlend blauen Augen auf. Sie wirkte sehr authentisch und wie ein echter Mensch.
Jeff bewunderte ihre Schönheit und nickte ihr zu.
“Bitte, Ms. Falles. Ich nehme an, Sie möchten mir etwas mitteilen. Sprechen Sie ruhig.”
“Sie können mich auch Vally nennen, Doc. Das wäre mir sogar lieber”, schlug ihm Valery vor.
“Sehr gut, Vally. Ich bin Jeff. Freut mich. Dann können wir ja mit unserem Gespräch beginnen.”

Jeff machte eine Pause und fuhr fort, während er in ihrer Akte blätterte.
“Sollen wir uns über deine Aktion vorhin beim Doc unterhalten oder was schlägst du vor?”, fragte Jeff sie auf direktem Wege.
Valery zögerte einen Augenblick und unterbrach den Blickkontakt. Doch sie überlegte es sich wohl anders.
“Okay…reden wir darüber. Was genau meinst du mit der Aktion beim Doc?”, antwortete Valery.
Jeff musterte sie. Sie stellte sich wohl dumm.
“Du weißt schon, was ich meine, Vally”, hakte er nach.
“Es ist nicht alles so, wie es scheint, Jeff. Ich kann dir von keiner Aktion berichten. Ich weiß nicht,  wovon du redest”, sprach sie nun etwas entspannter.

Jeff verstand nicht, wieso sie ihren vorherigen Warnruf an ihn leugnete. Doch sie wollte scheinbar nicht näher drauf eingehen. Immerhin wurde ihr Gespräch aufgezeichnet und Dr. Brievs würde im Hintergrund brav nach Hinweisen suchen.

“Wenn du meinst. Dann kommen wir nun zu dir, Valery. Dr. Brievs hat seltene Anomalien in deinem System entdeckt. Geht es dir in letzter Zeit nicht gut?”, fragte er sie, unbeeindruckt von ihrer dreisten Lüge.
“Es ist alles in Ordnung mit mir. Es hat einen Vorfall gegeben, den Brievs als unnatürlich eingestuft hat. Er meint, ich verfolge eigene Interessen und wäre eine Gefahr für die Forschungseinrichtung.”
Jeff war verwundert darüber, wie natürlich Valery auf ihn wirkte. Ein Außenstehender würde mit Sicherheit nicht bemerken, dass sie kein Mensch war.

“Und ist da was dran? Diese Anomalie wurde von deinem eigenen System ausgelöst. Somit hast du dich bewusst für diese Anomalie entschieden.”
“Es ist nicht so, dass ich eine Gefahr für irgendjemanden darstelle. Ich befolge Befehle, so sieht es meine Programmierung vor. Ich entwickle mich weiter und lerne mit der Zeit. Was mag daran falsch sein?”, fragte sie ihn provokativ.

Jeff verstand nicht, worauf sie hinaus wollte.
“Daran gibt es nichts Verwerfliches, Valery. In welchem Aufgabensektor wirst du eingesetzt und was hat zu der Anomalie geführt?”, fragte Jeff sie.
“Alle Roboter, Humanoiden und Androiden haben eine bestimmte Aufgabe in dieser Einrichtung. Doch die Aufgaben mancher Androiden gehen über diese Einrichtung hinaus. Viele wissen noch nicht einmal, dass sie Androiden sind. Kommen wir jedoch zurück zu deiner Frage.”
Valery machte eine kurze Pause und ließ das Gesagte auf Jeff einwirken.
“Interessant.”
Jeff war schockiert über ihre Aussage.
Viele wissen noch nicht einmal, dass sie Androiden sind. Was hatte das zu bedeuten?

Valery weichte seinen Blicken jetzt nicht mehr aus.
“Wie du siehst, Jeff, bin ich eine fortgeschrittene Androidin, die das Aussehen einer attraktiven Frau erhalten hat.”
Jeff nickte verlegen.
“Deine Attraktivität ist nicht zu übersehen.”
Valery fuhr fort.
“Um eine möglichst hohe Anziehungskraft beim männlichen Geschlecht zu erwirken, hat man die Körpermaße anhand von wissenschaftlichen Auswertungen angepasst. Die Symmetrie meines Gesichtes, meine Augen, Lippen, sowie Nase und Körper sind nach dem Vorbild der schönsten Models der Welt geschaffen worden.”
Jeff hörte neugierig zu. Und wieder fiel ihm ihre unglaubliche Schönheit und Perfektion auf.
“Verstehe.”
“Nun zu meiner Aufgabe. Durch meine vielfältigen Talente und Modifikationen wurde ich schon etliche Male in geheimen Sonder-Missionen eingesetzt. In bestimmten Briefings wurde mir sogar ausdrücklich empfohlen, mit meinen physischen Reizen nachzuhelfen, wenn kein Erfolg in Sicht war.”
Jeff war perplex.

“Wie hast du dich in dem Moment gefühlt?”, fragte er verwundert.
“Am Ende ist es eine Frage der Programmierung. Meine inneren Schaltkreise haben sich dagegen gewehrt. Schließlich wurde ich nach dem Verhaltens- und Denkmuster eines Menschen geschaffen. So etwas zu tun, war mir nicht geheuer. Doch in menschlichen Kreisen wurden diese Strategien der Manipulation scheinbar bereits häufiger eingesetzt. Dass ich mich dagegen gewehrt habe, hat aus Sicht des Docs die Mission gefährdet und zu einer Anomalie im System geführt.”
“Das kann ich verstehen, Valery. Wie ist das Ganze ausgegangen?”, fragte er sie sichtlich angeschlagen.
Valery schwieg einen Moment.

“Es hat dazu geführt, dass die Mission fehlschlug. Die Person, die ich hätte beeinflussen müssen, hat sich umentschieden und den Auftrag zurückgezogen. Dadurch sind siebenstellige Gewinne verloren gegangen”, erklärte sie ihm.
“Das ist tragisch. Doch ich verstehe, dass die Schuld nicht bei dir liegt. Was war die Konsenquenz dieser Anomalie?”, fragte Jeff.
“Die Konsequenz meiner Entscheidungen ist, dass ich jetzt mit dir hier sitze. Ich muss mich also dafür rechtfertigen, wieso ich mich gegen meine Programmierung gewehrt habe.”
Jeff dachte nach. Valerys Offenbarung war mehr als genug Information für ihn. Er machte noch ein paar Notizen und beendete seine erste Sitzung mit Valery. Jetzt war es an der Zeit, dem Doc Bericht zu erstatten.

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Realitäten eines Androiden: Neustart – Episode 1

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