Thriller: Proband Nr. X-100 – Rettende Erinnerungen an Jills Kindheit (Kapitel 3)

3. Kapitel

03:35 Uhr – Rettende Erinnerungen an Jills Kindheit
6 Stunden und 55 Minuten vor dem Ausbrechen der Viren – Stufe 1

Sieben der Fotos konnte er problemlos aussortieren, da seine Frau eine Brünette war. Alle Personen mit hell- bis mittelblonden Haaren waren daher schnell auszuschließen. Er rief sich ein Gespräch ins Gedächtnis, dass er vor Jahren geführt hatte, als sie ihm ihre Vorlieben in ihrer Kindheit geschildert hatte:

Ein heißer Sommertag mitten im August, 2001.

Lloyd und Jill saßen draußen auf der Veranda ihrer fast vollständig bezahlten Wohnung. Beide amüsierten sich zu einem erfrischenden Drink über die Nachbarskinder, die sich gegenseitig mit einem Gartenschlauch bespritzten und lachten.

„Schau mal, Schatz. Die Kinder da drüben…denen scheint es wirklich gut zu gehen.“

Sie füllte einen kühlen Drink nach und reichte ihn Lloyd.  

„Danke. Bei dieser verrückten Hitze sollte man sich eigentlich echt mal so eine Abkühlung gönnen“, bemerkte Lloyd und füllte noch einige Eiswürfel in sein Getränk.

„Aus dem Alter sind wir raus. Ab jetzt geht es geradewegs auf die Vierzig zu“, erwiderte Jill lächelnd.

„Das mag stimmen. Aber wir haben uns gut gehalten bis jetzt. Würde mich mal interessieren, was du so in deiner Kindheit gemacht hast.“

Sie legte ihre Arme um seine Schultern.

„Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war immer die Erste, die gesprungen ist, wenn es darum ging, ein Lied zu trällern. Es kam auch oft vor, dass ich vor der versammelten Familie wild um mich getanzt hab. Vergangene Zeiten“, erzählte sie amüsiert.

„Das hört sich interessant an. Wann lieferst du mir mal so einen entzückenden Tanz?“, fragte er sie belustigt.

„Meine Eltern haben damals massig Fotos von mir gemacht. Ich kann sie dir gerne mal zeigen.“

Doch Lloyd war nicht daran interessiert, jetzt alle Kinderfotos von ihr anzusehen. Das würde zu viel Zeit beanspruchen. Er wollte nun einfach die Sonne genießen und den freien Tag ausklingen lassen.

„Gerade nicht, Liebling. Wir können das gerne an einem anderen Tag nachholen“, antwortete Lloyd.
Jill zuckte die Schultern und nickte.

Anschließend hatte er sie nie wieder nach diesen Fotos gefragt.

Als sich Lloyd an dieses Gespräch erinnerte, geschah etwas Seltsames und Unbeschreibliches. Während er sich an dieses Ereignis erinnerte, fühlte er sich in den Bann einer Vision hineingezogen. Er hatte das Gefühl, dass er diesen Rückblick in die Vergangenheit soeben erneut erlebt hatte. In seinen Gedanken spielte sich die Vergangenheit so ab, als würde sie zur Gegenwart gehören.

Hab ich das gerade wirklich erlebt?

Er befand sich zwar hier, in diesem abgelegenen Waldhaus im Nirgendwo, aber in seinem Kopf hatte sich die vergangene Szene im Garten erneut abgespielt. Das Erlebnis, dort gewesen zu sein, faszinierte ihn. Er hatte den Duft der frischen Natur riechen können und hatte den Klang seiner Frau in den Ohren. Selbst ihr Parfüm erkannte er wieder.

Lloyd versuchte diesen Traum zu verdrängen. Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, da er handeln musste, um sicher aus dieser tödlichen Hütte zu entkommen. Die restlichen Polaroidfotos lagen immer noch vor ihm. Der Countdown tickte erbarmungslos weiter.

55 Sekunden…

54…

53…

Lloyd sortierte weitere drei Fotos aus. Die letzten Fotos stellten zwei Personen dar, die beim Tanzen abgelichtet worden waren.

46…

45…

44….

Ihm rann der Schweiß von der Stirn herunter. Lloyd wurde nervös.

Zwei Fotos. Auf beiden waren tanzende Mädchen zu sehen, beide waren brünett und beide Bilder hätten aus der Kindheit seiner Frau stammen können.

Seine Frau hatte auch getanzt. Welches Merkmal führte ihn zu seiner Frau und somit zum lebensrettenden Code?

34…

33…

32…

31…

Lloyd schaute sich die Details genauer an.

Augen, Haarfarbe, Gesicht, alles war nahezu identisch.

23…

22…

21 Sekunden…

Jedes Detail konnte der Schlüssel zu seiner Rettung sein. Er untersuchte jeden einzelnen Fleck auf den beiden Bildern. Lloyd atmete dabei heftig und sein Blut pulsierte in seinem Kopf.

13…

12…

11…

10…

Als er sich die Hände beider Mädchen genauer anschaute, bemerkte er den Unterschied. Auf einem Bild besaß das Mädchen eine fingerlange Narbe auf dem Handrücken. Das konnte unmöglich seine Freundin sein.

8…

7…

6…

Schnell drehte er das Foto mit dem Mädchen ohne Narbe um. Er tippte den viel zu langen Code ein, ohne nur einen einzigen Gedanken an die Richtigkeit zu verschwenden. In der letzten Sekunde deaktivierte er das an den Sprengsatz gekoppelte System und das Ticken erlosch. Die roten Ziffern verschwanden von der Bildfläche. Ein weiterer Mechanismus leitete die Öffnung des Eingangs ein. Lloyd war erfolgreich gewesen. Er hatte überlebt.

Vorerst, dachte er sich und eilte aus der Hütte.

Ich lebe. Ich habe es geschafft.

Lloyd hatte den ersten Test überstanden. Doch es sollten noch viele weitere Prüfungen auf ihn warten.

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Bildquelle: Tumisu/pixabay.com

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