Thriller: Seelenfall – Dunkelheit (Episode 27)

Faith wusste nicht, wie viel Zeit sie in der Dunkelheit verbracht hatte, seit dem der Mann im Anzug aus der Höhle verschwunden war. Es konnten Stunden sein, mehrere Tage oder vielleicht sogar lange und qualvolle Monate. Die Maschinerie der Zeit schien hier anders zu ticken.

Sie hatte sich entschieden, das Angebot abzulehnen, das ihr der mysteriöse Mann vorgeschlagen hatte. Ein Angebot, bei dem sie den Kontakt zu Jordan hätte unterbinden sollen, nachdem sie der Mann im Anzug auf magische Weise aus dem Koma geholt hätte. Soweit das Versprechen des Mannes.

Das Misstrauen war jedoch groß gewesen und sie bezweifelte, dass seine Absichten edlen Gemüts waren. Sie kam zu der Überzeugung, dass ein weiteres, weitaus dunkleres Motiv hinter dem rettenden Gefallen steckte. Der Anzug-Mann hatte eine böse Aura, die er geschickt in einen Mantel der Gutmütigkeit und des Wohlwollens verpackte. Ihre Intuition würde sie nicht täuschen. Zudem konnte sie Jordan, den einzigen Menschen, der noch an sie glaubte, nicht einfach unsichtbar machen und vergessen.

Die Höhle, in der sie sich befand, war von einigen, spärlichen Kerzen beleuchtet. Die Dunkelheit, begleitet von unheimlichen, tanzenden Lichterscheinungen der flackernden Kerzenflammen an den feuchten Wänden der Höhle, würde Faith auf Dauer sicher wahnsinnig machen. Die Öffnung in den unterirdischen Wassertunnel, aus der sie in diese Höhle gestiegen war, war seit der Ankunft des Mannes verschwunden.

In ihrer Verzweiflung hätte sie sonst sicherlich versucht, wieder zurückzuschwimmen, um einen Weg aus diesem dunklen Loch zu finden. Da würde sie selbst die Gefahr durch die elektrisierende Präsenz in Kauf nehmen, die auf der Insel in der Hütte auf sie warten würde. Doch die Insel lag verborgen unter Wasser, überschwemmt von Wellen, die gar nicht hätten existieren sollen.

Nun war sie hier, mutterseelenallein in einer verlassenen Höhle der Unterwelt, die tief im Inneren ihres komatösen Gehirns zur Wirklichkeit geworden war. Ihre persönliche Dunkelheit. Hier gab es keine Menschenseele, die ihr hätte Trost spenden können und der sie ihre Gedanken und Ängste hätte mitteilen können.

Faith wollte es anfangs nicht wahrhaben und versuchte eine Lösung für ihr Problem zu finden. Sie suchte jede erdenkliche Stelle der Höhle ab und überprüfte auch den Altar, doch sie konnte nichts finden, außer einen alten Tonkrug, der neben einer Höhlenwand stand. Ihr Bewusstsein sträubte sich gegen den Gedanken, für immer hier gefangen zu sein. Zudem war es eine abscheuliche Stille, die in der Höhle herrschte. Hin und wieder hörte sie einige Tropfen von den feuchten Höhlenwänden auf den Boden prasseln. Die einzigen anderen Geräusche waren die ihrer selbst, ihres Atems, Klänge des Seufzens, des Verzweifelns und des Wahnsinns.

In dieser Realität gab es keinen Hunger, keinen Durst, den sie hätte stillen können, um sich zu mit irgendetwas zu beschäftigen. Es gab nur sie und die dunkle Stille. Eine eintönige Kombination aus Müßiggang und permanentem Gedankenfluss. Die Gedanken flossen anfangs wie ein Wasserfall durch ihr Gehirn, ein Gedanke verfolgte den nächsten. Doch auch Gedanken können träge werden, wenn die Hoffnung versiegt und so wurden aus Faiths klaren Gedanken mit der Zeit wirre und nach Hilfe suchende Gedanken, die nach Erklärungen suchten.

Sie nahm das alte Behältnis aus Ton und benutzte es, um ein paar Tropfen zu sammeln. Nach etlichen Stunden hatte sie den Tonbehälter mit dem Höhlenwasser gefüllt, das sie trank, obwohl sie keinen Durst verspürte. Irgendetwas wollte sie machen, sie brauchte eine Beschäftigung, die sie von dem Elend und der Einsamkeit in der Höhle ablenkte.

Der Altar in der Mitte der Höhle war massiv und feucht, auf dessen glatter Oberfläche war jedoch nichts Interessantes zu sehen. Sie würde hier noch zugrunde gehen, aus lauter Langeweile und ohne eine Aufgabe und ein Ziel. Doch Faith würde nicht so schnell aufgeben. Weitere Tage vergingen und Faith verlor sich erneut in ihrer Gedankenwelt. Intensive Monologe konnten sie für eine Weile ablenken, in der sie ihre Situation hinterfragte und nach weiteren Gründen und Lösungen suchte.
Was, wenn dieser Albtraum kein Ende nahm? Würde sie es je wieder aus dem Koma schaffen?

Die Ärzte hatten sie aufgegeben, hatte der Mann im Anzug vorausgesagt. Und auch ihre Eltern hatten die Hoffnung aufgegeben. Stimmte das? Wie lange würde es noch dauern, bis sie die Maschinen abschalteten und sie ihrem kläglichen Tod überließen? Würde sie nach dem Ableben ihres irdischen Körpers weiter in dieser Höhle eingesperrt sein oder würde auch ihre Seele langsam verblassen und aus den Fängen des Anzug-Mannes befreit werden?

Diese und viele weitere Fragen beschäftigten Faith. In diesem Wahnsinn der unendlichen Zeitschleife hatte Faith viel Zeit zum Nachdenken. Mehr als genug. Schenkte man den Worten des Mannes Vertrauen, dann glaubte nur noch Jordan als einziger an ihre Rückkehr und sie hielt an diesem letzten Hoffnungsschimmer fest, der ihr Kraft und Mut gab, um diesen Wahnsinn weiter durchzustehen.

Er stärkte ihr schwindendes Durchhaltevermögen für ein paar weitere lange Tage und Nächte. Doch Tage und Tagesrhythmen waren für Faith nicht mehr erkennbar, es waren eher unendliche Nächte in der Dunkelheit. Das Gefühl für die Zeit verblasste noch weiter und nach gefühlten, weiteren Jahren in dieser Ebene der Grausamkeit, wurde aus anfänglicher, verborgener Hoffnung schützende Gleichgültigkeit, die zur Akzeptanz ihrer ausweglosen Situation führte.

Faiths Gedanken verkümmerten mit der Zeit, ihre Seele verlor die letzten positiven Impulse und das Gefühl der Einsamkeit und der Nutzlosigkeit raubte ihr die letzten Energiereserven. Der ewige Fluss an nicht enden wollenden Phrasen wurde immer häufiger durch eine innere Leere unterbrochen. Schließlich war ihr einziger Gesprächspartner sie selbst und dieser Monolog führte zu nichts mehr Gutem. Wie konnte ein Mensch ohne Gesellschaft und Beschäftigung oder eine sinnvolle Aufgabe überleben?

In diesen Momenten hätte sie sich sogar mit einem Tier oder einem Insekt unterhalten, um die Leere in ihrem Inneren zu füllen. Doch dieser Wunsch wurde ihr nicht erfüllt. Und so verbrachte Faith ihre Zeit nicht mehr mit vielen Gedanken, sondern versuchte, ihre Einsamkeit durch lange Schlafexzesse zu verdrängen. Ihre Gedanken wurden immer abgehackter, der Wach-Schlaf-Zyklus wurde immer stärker von der Schlafphase dominiert. Aus Sätzen wurden in Gedanken abgehackte Wortfetzen, die sinnlos aneinandergereiht wurden.

Faith verlor den Verstand und somit das letzte wertvolle Dasein als menschliche Existenz. Sie war nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst, eine Seele, die verkümmert war und nach Licht suchte, das sie nicht finden konnte. Die Dunkelheit hatte sich in ihre Seele gefressen. Hatte sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Der Zweifel erschien an der Oberfläche ihres Bewusstseins und grub sich langsam in die tieferen Ebenen ihres Verstands. Sie fing an zu beten, um ihren Zweifel zu verdrängen. Die Gebete halfen ihr und spendeten ihr Trost in der Dunkelheit.

Weitere Monate und Jahre in der Ebene der Höhle vergingen, Gedanken und das Wachsein waren zur Seltenheit geworden, stattdessen herrschte ein tiefer Schlaf über sie, der von kurzen Wachzyklen unterbrochen wurde. Der Hauptbestandteil ihres Lebens war der Schlaf geworden, ihre zusammenhanglosen Gedanken verfolgten sie im Schlaf. Doch sie wollte nicht nach dem Mann im Anzug rufen, der vielleicht wie aus dem Nichts wieder vor ihr erschien, um das Angebot wieder in den Raum zu stellen. In diesem Punkt blieb Faith standhaft, obwohl ihre verkümmerten Gedanken immer mehr von Zweifeln übersät wurden. Es änderte sich nichts an ihrer auswegslosen Situation, bis zu dem Zeitpunkt, als etwas auf wundersame Weise auf die Höhlenwand projiziert wurde und vor ihr erstrahlte und sie blendete. Ein Zeichen aus der Welt der Lebenden mit ihr und Jordan als Protagonisten.

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