Thriller: Seelenfall – Die Hütte am See (Episode 15)

Episode 15

Die Hütte am See

Faith konnte kaum glauben, dass sie sich an diesen paradiesischen Ort verirrt hatten, der direkt am See gelegen einen traumhaften Blick auf eine prachtvolle Hütte in der Mitte des Sees bot. Schließlich gab es hier sogar einen richtigen Strand mit feinen Sandkörnern. Sie war wirklich glücklich darüber, dass Jordan sie hierher gebracht hatte. Obwohl sie sich nicht mehr genau daran erinnern konnte, wann sie dort angekommen waren.

Sie genoss die herrliche Aussicht auf einen malerischen See, der einem Märchen hätte entspringen können. An diesem sonnigen Tag, mit frostüberzogenen Bergen im Hintergrund, fühlte Faith inneren Frieden und unendliches Glück.

Am Ufer befand sich ein altes Boot, mit dem man die scheinbar verlassene Insel inmitten des Sees erreichen konnte. Dort befand sich die große Hütte, die gemütlich und einladend aussah. Die Insel wirkte einsam und bedrohlich, mit einem breiten Steg und einer langen Treppe, die geradewegs zum Eingang der Hütte führte. Einen verwitterten Garten, sowie einen leeren Pool konnte sie auch erkennen.
Ist wohl schon länger her, dass jemand hier draußen nach der Hütte gesehen hat.

Sie wollten gemeinsam im See schwimmen gehen, bei dem sonnigen Wetter war das eine brillante Idee, wie sie fand. Faith war begeistert. Er brachte ihr also eine Decke und einen Saft mit, um den sie ihn gebeten hatte. Als er wieder zurück kam, war jedoch irgendetwas Seltsames mit seinen Augen geschehen. Faith konnte es von der Ferne nur erahnen, und es schien, als ob weißgraue Schlieren durch seine Pupillen wanderten, erst langsam, dann aufbrausend und unruhig wie Winde, tobten sie in seinen besessenen Augen.

Und er sah nicht aus wie der Jordan, den sie kannte. Eine bösartige Aura strahlte von seinem Körper aus. Schleichend und strömend schlich sie wie negative Energie aus seinen Poren heraus.

Sie nahm vor lauter Furcht den nächstbesten Stock in die Hand, den sie auf dem Sand finden konnte und richtete ihn mit der Spitze in seine Richtung. Bleib mir ja fern vom Leib.

Jordan wusste glücklicherweise, wie Faith sich fühlte und wie er sie beruhigen konnte. Mit seiner angenehmen und freundlichen Stimme kündigte er sich an, den Saft zu servieren, den er ihr versprochen hatte und als sie den Saft in seinen Händen sah, verschwanden die grauenvollen Illusionen aus seinen Augen. Sie konnte wieder aufatmen.

Faith durfte nicht vergessen, dass sie hier an den See gekommen waren, um einen schönen Tag miteinander zu verbringen. Schwimmen, miteinander kuscheln und einfach die Sonne genießen. Sie lächelte ihn verliebt an, kuschelte sich an ihn heran und vergaß den Stock, den sie vom Sandstrand aufgelesen hatte. Als er anfing, sie zärtlich zu küssen, war die Sache wie vergessen.

Danach kuschelten sie noch viele Stunden nebeneinander, so schien es jedenfalls. Ihre Wahrnehmung war verändert, und die Sonne ging fast wie im Zeitraffer unter. Der Sonnenuntergang war malerisch, atemberaubend und doch erschien ihr der gesamte Vorgang der verschwindenden Sonne surreal. Die orangeroten Strahlen veränderten förmlich die Atmosphäre und versetzten der freundlichen Szene eine düstere Note. Gigantische Berge begannen im Hintergrund zu leuchten, die Wolken sanken herab und hingen tiefer als sonst. Sie waren jetzt greifbar nahe und bildeten weiße, dampfige Formen, die ständig ihre Gestalt veränderten.

Jordan, der seinen Arm um sie gelegt hatte, hatte nun eine schimmernde Aura angenommen. Wellenförmige Strahlen aus Energiepartikeln verließen seinen Körper, ein Gefühl aus Harmonie, Glück und Sicherheit ging auf sie über. Sie konnte sich bei ihm fallen lassen, das wusste sie. Er würde dafür sorgen, dass sie nicht enttäuscht werden würde, bei ihm hatte sie so ein Gefühl. Für Faith war es an diesem Abend mit einem wunderschönen Sonnenuntergang so nostalgisch, dass sie in Erinnerungen schwelgte, die sie nicht begreifen konnte. Sie fühlte eine vertraute Unendlichkeit, die ihr nicht fremd war. Wie wenn sie dieses Leben schon einmal mit ihm geführt hatte.

Er bat sie, etwas von dem Orangensaft zu trinken, den er ihr mitgebracht hatte. Seine Stimme klang etwas besorgt und plötzlich bemerkte sie, dass sie ihn kaum noch hören konnte. Jordan schien sich aufzulösen und sie bemerkte, wie seine Konturen verschwanden, bis seine Materie zu verdampfen begann.

Er schimmerte wie eine Fata Morgana, ein Abbild seines alten Ichs, ein Nebel, der sich auflöste. Wie in weiter Ferne hallte seine Stimme ein letztes Mal in ihr schwindendes Unterbewusstsein. Doch ihr Bewusstsein war an einem anderen Ort und etwas anderes hatte jetzt ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie war immer noch an diesem verlassenen See bei der großen Hütte, die sich auf einer Insel inmitten des Sees vor ihr befand.
Was befindet sich dort auf der Insel wohl?

Ein weiterer Gedanke schoss ihr durch den Kopf, als sie einen Augenblick lang an Jordan dachte. Er hatte ihr geraten, von dem Orangensaft zu trinken. Gerne würde sie etwas von dem Saft trinken. Doch im gleichen Gedankengang spürte sie eine heftige Energiewelle, die von der Insel ausging. Wieder hatten die magischen Kräfte der Insel sie abgelenkt. Es zog sie förmlich an, mehr über die Hütte zu erfahren. Als sie auf die Insel starrte, lief es ihr eiskalt über den Rücken.
Die Hütte. Sie hat ihre Gestalt verändert.

Während sich die Sonne dem Horizont neigte, störte etwas das Bild der nostalgischen Hütte, das Faith so genossen hatte. Eine Präsenz wie von einer dunklen Kreatur ließ auf sich aufmerksam machen. Das pulsierende Leuchten, das von der Insel ausging, löste ein ungutes Gefühl in Faith aus. Doch sie wollte es wagen. In der Hütte brannten jetzt Lichter und starke Winde tosten über den See und hoben Wellen hervor. Mit dem Boot würde es nicht lange dauern, bis sie drüben wäre. Noch vor Beginn der Dunkelheit könnte sie dann erkunden, was es mit der alten Hütte auf sich hatte, die mysteriös in die Dunkelheit strahlte.

Und während die Sonne am Horizont verschwand und mit einer außergewöhnlichen Eleganz den Himmel verdunkelte, ließ sie sich in den Bann der düsteren Hütte ziehen, die sie sofort zum Boot lockte. Sie löste das Seil und sprang in das alte Boot. Während Jordan sich auflöste und aus ihrer Welt zu entfliehen schien, ruderte sie aufgeregt in Richtung der Insel, um Antworten zu finden.

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