Thriller: Realitäten eines Androiden – Der erste Tag (Episode 3)

Episode 3

Der erste Tag

Der erste Tag der Simulation konnte beginnen. Dr. Brievs freute sich wie ein kleines Kind auf Jeffs Einweisung. Schließlich würde er der direkte Vorgesetzte seines neuesten Androiden-Modells sein. Schon bald würde sich zeigen, ob Jeff für sein Projekt 301 geeignet war. Wie würde Dr. Brievs seinen Androiden Jeff am besten beschreiben, wenn man ihn nach seinem Persönlichkeitsprofil fragen würde? Darüber hatte er sich schon lange vor der Vervollständigung des Prototyps Gedanken gemacht.

Man hatte ihn nach dem Vorbild eines künstlich idealisierten Menschenbilds geschaffen. Ein moralisch abwägendes, auf Vernunftsbasis denkendes, soziales Individuum. Geschützt vor den Gefahren der Gier, des Zorns, des Neids und der Missgunst. Eigenschaften, die man aus dem Programm entfernt hatte.

Stattdessen war Jeffrev-X, so lautete seine offizielle Bezeichnung, mit dem Ziel programmiert worden, Probleme auf friedliche Art und Weise zu lösen. Der Schutz der Menschen hatte dabei erste Priorität in der Programmierung und war ganz weit oben angesiedelt. Ein Roboter mit dem Herzen eines Engels.

Freundlich, sozial, mutig, eine immer helfende Hand im Alltag der Gesellschaft, mit Prozessoren an Bord, die sich im ständigen Lernprozess selbstständig weiterentwickeln konnten. Ähnlich wie bei einem Menschen, der mit seinen Erfahrungen wuchs und lernte.

Jeffs Intelligenz und seine Aufnahmebereitschaft für neue Informationen war jedoch mehr als bemerkenswert. Seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten hatten das Potenzial, die normaler Menschen bei Weitem zu übertreffen. Dennoch hatte Brievs bestimmte Areale seines Netzwerks blockiert, um ihm das sichere Gefühl zu geben, Teil der Gesellschaft zu sein. Mensch zu sein bedeutete das Gegenteil von Perfektion. Und obwohl Jeff mit seinen Fähigkeiten der Perfektion recht nahe kam, hatte man ihm einige dieser Super-Skills genommen und sich fürs Erste auf die Grundlagen beschränkt. Denn nur so konnte er im Projekt 301 die maximalen Erfolge erzielen.

Schließlich war er Brievs Meisterwerk, seine bisher größte Errungenschaft. Bei diesem Androiden hatte er keine Mühen und Kosten gescheut. Der erste Tag war also gekommen. Während er Jeff freundlich als neuen psychologischen Berater der Station willkommen hieß, ließ er sich nicht anmerken, dass er sich Jeff gegenüber bereits in diversen Simulationen als Dr. Brievs vorgestellt hatte.

„Herzlich Willkommen, Jeff. Mein Name ist Dr. Brievs. Das hier alles wird ihr neuer Arbeitsplatz sein…“, begrüßte ihn Brievs.
„…und Sie werden uns hoffentlich mit Stolz erfüllen“, setzte er seine Begrüßung fort.
„Danke, Doktor. Ich werde mich darum bemühen.“
„Das meine ich zu wissen. Ich werde Sie in Ihr neues Büro führen. Anschließend stelle ich Ihnen unsere Androiden-Freunde vor. Bitte begleiten Sie mich und schauen Sie sich um. Hier gibt es vieles zu entdecken“, erzählte Brievs sichtlich amüsiert.

Sie liefen einen breiten und gut ausgeleuchteten Flur entlang, der sich ewig in die Länge zu ziehen schien. Beidseitig konnte Jeff überall hochmoderne Büroräume und Forschungssäle erkennen, in denen Menschen mit Androiden und Humanoiden zusammenarbeiteten.
„Faszinierend, Doktor. Werde ich hier auch die neuesten Androiden-Modelle X-299 und X-300 zu sehen bekommen?“, fragte er mit brodelnder Neugier.

Jeff war nicht nur hochmotiviert, sondern wissbegierig und gespannt auf die Hightech-Androiden, die sich scheinbar nur noch schwer von echten Menschen unterschieden. Er würde im Rahmen seines neuen Jobs als psychologischer Berater ständig im Gespräch mit den neuen Maschinenmenschen sein.
„Gewiss, Mr. Revven. Sie werden viel mehr für uns tun, als nur die neuesten Androiden zu begutachten. Ihr Posten als psychologischer Berater der Robotikabteilung sieht sogar den Kontakt zu unseren menschlichen Mitarbeitern vor. Sie treten also nicht nur in Kontakt mit Humanoiden und Androiden.“

Sie liefen weiter den Flur entlang. Jeff fiel auf, dass er von einigen Mitarbeitern in den Flurräumen beobachtet wurde. Ob es sich nun um Menschen oder Androiden handelte, konnte er nur schwer einordnen. Hier und dort sah er, wie sich ganze Sichtfenster plötzlich verpixelten und verschwammen, sodass die Sicht versperrt wurde.
„Das hört sich interessant an“, antwortete Jeff.
„Gedulden Sie sich noch ein wenig. Wir werden Sie mit allen möglichen Ressourcen auf Ihren neuen Posten vorbereiten.“

Am Ende des Flurs betraten sie einen Personenaufzug, der sie tiefer in die Forschungsanstalt führte. Jeff konnte am Ziffernfeld entdecken, dass sich allein unter dem Erdgeschoss neun Etagen befanden. Brievs betätigte die Nummer 9.
„Zu allererst möchte ich Ihnen unsere Humanoiden und Androiden vorstellen. Erstere Modelle werden nur für einfache, mechanische Arbeiten verwendet und haben ein eingeschränktes Denkvermögen. Hauptsächlich einmalige Programmierkunst mit Update-Funktion.“
„Verstehe. Die neueren Modelle hingegen sind in der Lage, menschlich zu denken und selbstständig zu handeln.“
„Das ist korrekt. Mit diesen Modellen werden Sie hauptsächlich zusammenarbeiten. Doch auch unsere Humanoiden sind mittlerweile so weit entwickelt, dass sie ein eigenes Bewusstsein aufbauen können.“

Nach einer rasanten Fahrt mit dem Aufzug öffneten sich die Türen und Jeff betrat mit dem Doktor gemeinsam die neunte Ebene im Untergrund. Nach unzähligen Gängen, Treppen und Türen kamen sie schließlich in einem großen Besprechungssaal an. Ein gewaltiger Tisch in ovaler Form war umgeben von vier Dutzend Stühlen, die säuberlich an den Tisch herangerückt waren. Auf der Rückwand war eine riesige Leinwand zu sehen, die von einem Projektor bestrahlt wurde. Ein riesiger Bildschirmschoner mit dem Logo der Forschungseinrichtung war darauf zu erkennen.

„Und wo sind nun die ganzen Androiden und Humanoiden?“, fragte Jeff den Doc gespannt.
„Die befinden sich natürlich in Ihrem neuen Büro und warten schon begierig auf Ihre Ankunft“, antwortete Brievs ruhig.

Sie betraten eine weitere Türe und Jeff konnte seinen Augen nicht trauen. Er sah eine Variation verschiedener Roboter, Humanoiden und Androiden, die in einer Reihe nebeneinander aufgestellt waren. Ihre Augen, wenn sie denn welche hatten, starrten ihn förmlich an. Dennoch schienen sie sich nicht zu rühren.
„Home sweet home, Mr. Revven. Das hier ist Ihre neue Spielweise.“

Und ehe sich Jeff versah, öffneten diese ganzen Meilensteine der Robotik und der synthetischen Intelligenzen plötzlich ihre künstlichen Augen, um ihn als neuen psychologischen Berater an seinem ersten Tag willkommen zu heißen.

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Thriller: Realitäten eines Androiden – Ein nützlicher Help-Bot (Episode 4)

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